Meiner Meinung nach sind wir zu den Japanern ungerecht. Wir machen uns über ihre Gewohnheiten lustig, finden ihren kulinarischen Geschmack abartig und ihre Bräuche und Rituale eine Spur zu exotisch. Dabei handelt es sich doch um ein aufgeschlossenes Volk, das bekannt für seinen Tatendrang ist. Eine Nation, die stets neue, originelle Lösungsvorschläge auf jede Art von Problematik parat hat.
Und jetzt leidet dieses wichtige Volk auch noch an Bevölkerungsschwund. Die Zahlen sprechen Bände: 50% aller 30- bis 45-jährigen Männer sind in Japan solo. Lebenslange Einstellungen gibt es nicht mehr. Auch der Heiratsmarkt hat sich geändert und die wirtschaftliche Stabilität vergangener Zeiten kompensiert nicht mehr körperliche Mängel, wie es einst der Fall war.
Hinzu kommt das Verhalten der Frauen: In der Tat wagen sie es, ihren Partner nicht nach Kriterien auszuwählen, die eine langfristige Beziehungsdauer versprechen. Nein, Liebe auf den ersten Blick liegt in Japan voll im Trend. Und es kommt noch dicker: Japanerinnen ziehen tatsächliche schöne männliche Exemplare den hässlichen vor. Mag man das für Möglich halten? Schönheit vor finanzieller Absicherung? Solche Verräterinnen!
Das Problem ist fundamental: Sollte man die Steuer für Unverheiratete senken um ein weiteres Sinken der Geburtenrate zu verhindern und die Renten der Zukunft zu sichern?
Ein japanischer Wirtschaftswissenschaftler, Takuro Morinaga, gibt vor eine Lösung für das Problem gefunden zu haben. Seine Idee ist es, Schönlinge extra zu besteuern! Unverheiratete Männer sollte man in vier Kategorien einteilen: Die Schönen, die Normalos, die Halbhässlichen und die Ganzhässlichen. Die erste Kategorie muss 100% ihres Haupteinkommens versteuern. Die Halbhässlichen wiederum erhalten 10% ihres Einkommens steuerfrei und die ganz Hässlichen sogar 20%. "Die Schönen zu versteuern, und besonders die mit gehobenem Einkommen, würde deren Position schwächen und die Chancen für die Hässlichen steigern", so seine Logik. "Die Hässlichen, denen der Zugang zum Heiratsmarkt aktuell verwehrt wird, gewännen dank der Steuervergünstigungen an Selbstwertgefühl. Ein schöner Mann, der obendrein auch noch reich ist, würde 90% seines Einkommens dem Fiskus hinterlassen. Wenn die Nettoeinkommen der Hässlichen höher ausfallen würden, als die der Schönen, würden die Frauen ihre Auswahlkriterien definitiv ändern." Brilliant!
Viel Glück dem Komitee, dem die glorreiche Aufgabe zu Teil wird, auszuwählen, wer denn mit Schönheit gesegnet ist und wem die Natur übel mitgespielt hat. Mit zig Enttäuschungen ist zu rechnen und das Land kann sich schon einmal Gedanken darüber machen, wie es mit den von der einmaligen Einstufung Traumatisierten in beiden Richtungen umgehen wird. Sind wir mal ehrlich: Kaum ein Mann wird sich am Tag seiner Kategorisierung besonders herausputzen. Man darf auf ihre Aufführung gespannt sein und wer weiß, ob nicht das japanische Fernsehen diese einzigartige Show übertragen wird. Statt Maske vor der Show nun der Gang ins Institut für Hässlichkeit?
Und wer weiß schon, ob sich das Blatt nicht allzu schnell wenden wird. Die Hässlichen, durch das Anheben der Kaufkraft und dem erfolgreichen Finden der besseren Hälfte gestärkt, werden dazu neigen, in ihr Erscheinungsbild zu investieren. Ein neues Outfit, ein teurer Schlitten, ein Abo für den Schönheitschirurg. Den Möglichkeiten attraktiver zu werden, sind nahezu keine Grenzen gesetzt. Und kaum ist man mit dem Ergebnis zufrieden, droht auch schon eine Neueinstufung seitens des gefürchteten Komitees.
Unser Schönling wiederum, um 90% seines Einkommens beraubt, ist mittlerweile verarmt. Er fühlt sich miserabel. Sein Haus, sein Auto, seine trendigen Klamotten - alles weg. Und mit dem Verlust seiner Statussymbole ist auch sein einzigartiger Charme, seine schlanke Linie und sein wunderschönes Zahnpastalächeln dahin. Im Reich der Hässlichen angekommen, versucht er nun das Ruder wieder herumzureißen.
Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wir haben es hier mit einem klassischen Teufelskreis zu tun.
Und wer hat eigentlich bei der Kalkulation die berühmte innere Schönheit berücksichtigt? Alle Hässlichen sind sich darüber einig, dass sie das Wichtigste im Leben eines Menschen ist. Von daher nichts wie ran an die Steuer auf die innere Schönheit.
Klar machen wir uns manchmal über die Japaner lustig und vielleicht sogar das ein oder andere mal eine Spur zu viel. Aber, Hand aufs Herz, provozieren sie uns nicht auch ein bisschen dazu?
Laurent Serfaty
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