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Perverse Tourismuskonzepte Teil 2: Der Schaulustigen-Kurztrip

 
 

27 Januar 2012 - 17:51 Deike Moggert

Und auch in dieser Woche kann ich nicht umhin, über die Costa Concordia zu schreiben. Letzte Woche stand die Frage im Raum, ob die Havarie eines Schiffes und die endlos erscheinende Berichterstattung über die Fehler der Reederei und der Crew für einen Rückgang der Passagierzahlen sorgen würden. Inzwischen sind immer abstrusere Wahrheiten und Phänomene in diesem Zusammenhang aufgetaucht.

Kurioserweise scheint die ganze Geschichte bisher nicht im Geringsten der Branche geschadet zu haben. Im Gegenteil, es ist eine neue Art von Tourismus entstanden: Der Schaulustigen-Kurztrip. Ganz in japanischer Manier, tauchen die Touristen fährenweise auf, posieren vor dem havarierten Schiff und schießen Fotos für ihr Facebook-Profil, machen Videos oder veranstalten ein Picknick auf einem Felsen mit Blick auf die Bergungsarbeiten. Am spannendsten ist es natürlich, die trauernden Angehörigen zu beobachten, wie sie um ihre Familie bangen oder in den Armen der Helfer Trost suchen. So ist der Mensch, das ist doch nichts Neues, werden Sie sagen, und ebenso wenig die Tatsache, dass immer schnell jemand zur Stelle ist, um Geld heraus zu schlagen.

Es fahren mittlerweile auch Reisegruppen zu Hitlers Bunker, den D-Day-Stränden und an Kriegsschauplätze, um berühmte Schlachten nachzuspielen. Hier kann die Grenze zwischen Aufarbeitung der Geschichte oder der persönlichen Erinnerung (wie im Falle von Veteranen, Studienreisenden und Schulgruppen) und perverser Sensationsgier hauchdünn sein. Denn bestimmte Reisende suchen gern mal Schutz unter dem Mantel der Kultur.

Dennoch, kein Vergleich zu diesem peinlichen Big-Brother-Tourismus, der sich gerade auf Giglio abspielt. Vor der Costa Concordia posierten seit der Havarie bereits tausende von Schaulustigen, berichtet die Süddeutsche und führt als Beispiel einen Vater an, der sein Kind mitgebracht hat, das nun fröhlich vor dem Kreuzfahrtswrack posiert. Da kommen einem doch gleich wunderbare neue Geschäftsmodelle in den Sinn: Einen Reiseveranstalter für Schaulustigen-Reisen müsste man gründen. Wie wär's mit einer Safari durch Afrika, bei der die ganze Familie zusehen und knipsen kann, wie Kinder an Hunger und Aids sterben. Oder ein Kurztrip zu aktuellen Kriegsschauplätzen. Warum vergangene Kriege nachspielen, wenn man einen aktuellen Krieg live miterleben kann?

Finden Sie geschmacklos? Zum Glück! Ich nämlich auch.

Nachtrag und Zitat aus dem Artikel "Duisburger plant Stadtrundfahrt von Tragödie zu Tragödie" von Daniel Cnotka (Der Westen - Das Portal der WAZ Mediengruppe vom 27.1.2012):

"Seine Stadtrundfahrten heißen "Duisburg-Klassik" oder "Industrie und Häfen". Jetzt will Udo Scharf Menschen zu katastrophalen Orten führen. Die Tour führt zum Unglückstunnel der Loveparade, zum Marientorplatz, wo ein Rocker erschossen worden war, und zum Schauplatz der Duisburger Mafia-Morde."

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