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Verkehrte Welt: Tropennächte im Spreewald

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23 Juli 2012 - 04:15

Themendörfer und -parks kennt jeder aus dem Umfeld des Freizeittourismus. Dabei ist der Wunsch, die Exotik fremder Länder mit Hilfe von folkloristischen Miniaturen ins eigene Land zu holen, nicht neu. Schon die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts lockten mit Länderpavillons und so genannten "Negerdörfern" Millionen Besucher an. Den Organisatoren ging es dabei in der Regel weniger darum, ein echtes Interesse für die Kultur und die Menschen der jeweiligen Länder zu wecken. Wichtig war vielmehr, das zahlende Publikum mit Sensationen und Kuriosem gut zu unterhalten und es nebenbei für den Kolonialismus zu begeistern.

Auch in der heutigen Freizeitindustrie sind kulturelle Erzeugnisse aller Art selten mehr als schmückendes Beiwerk. Das kann man noch auf die Spitze treiben. Wer sich selbst auf einer Fernreise nicht für fremde Kulturen interessiert, sondern mit Strand, warmer Luft und Tropenkulisse zufrieden ist, kann sich nun den Jetlag ersparen und einfach in die ostdeutsche Provinz fahren. Das brandenburgische "Tropical Islands" beschreibt sich selbst als "weltweit einzigartige tropische Urlaubswelt, in der die Asien-Pazifik-Region, Afrika und Südamerika aufeinander treffen". Bauliche Versatzstücke aus verschiedenen Ländern sind Bestandteil der tropischen Phantasiekulisse, die zusammen mit der Hallentemperatur von rund 28 °C und einer Luftfeuchtigkeit von um die 60 Prozent für tropisches Flair sorgt.

Der genaue Energieverbrauch des "Tropical Islands" wird nicht bekannt gegeben. Im Vergleich mit einem Langstreckenflug dürfte vor allem der CO2-Ausstoß pro Person jedoch deutlich geringer sein. Günstiger ist der Urlaub im "Tropical Islands" in der Regel auch. Angesichts der gravierenden Klimaprobleme könnte Urlaub unter der Glocke sich also zu einer echten Alternative entwickeln. Auch wenn die Vorstellung manchem befremdlich erscheinen mag: In anderen Regionen sind künstliche Lebens- und Freizeitwelten längst Alltag geworden. Im "Ski Dubai" können sich die ansonsten sonnenverwöhnten Golfbewohner bei frostigen Temperaturen über glitzernd-weißen Schnee aus der Kanone freuen. Im selben Land gibt es übrigens auch künstliche Inseln in Form von Palmen und andere, die die Kontinente der Welt nachbilden. Die Finanzkrise und schwierige äußere Bedingungen - die Versandung geht enorm schnell und es muss ständig nachgebaggert werden - haben letzteren schwer zugesetzt, aber in Zeiten klimatischer oder politischer Krisen könnte das künstliche Wohnen und Urlauben durchaus (wieder) interessant werden. Zumindest im "Tropical Islands" können sich die Besucherzahlen sehen lassen (912 000 im letzten Jahr). Der Geschäftsführer hat jetzt in der Welt am Sonntag angekündigt, der malaiische Betreiber Tanjong wolle demnächst eine weitere halbe Milliarde Euro investieren. Sobald Behörden und Investoren grünes Licht gegeben haben, sollen vier neue Themendörfer zu den Themen Western, Mittelalter, Tropen und 50er-Jahre entstehen. Soweit wir wissen, sind menschlichen Statisten bislang nicht vorgesehen.

Marie Sophie Emrich Seng

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