Der Kreml Gewaltige, zinnenbewehrte Mauern umschließen die prachtvollen Kuppeln der Kirchen und Kathedralen und elegant gestalteten Paläste. Carlos Rodrigues
Die prächtige architektonische Anlage des Moskauer Kremls liegt mitten im Zentrum der Hauptstadt auf dem Borowizki-Hügel. Die herrlichen Kuppeln der Kirchen und Kathedralen, die eleganten Silhouetten der weißen Paläste, die von mächtigen mit Spitztürmen gekrönten Befestigungsmauern umgeben sind, zeugen von der Größe und vom Glanz des russischen Reiches. Sie bilden den Mittelpunkt der jahrhundertealten Geschichte und der künstlerischen Tradition - hier schlägt das Herz Russlands. Für die slawisch-orthodoxe Welt ist der Kreml fast so heilig wie Mekka für die Muslime. Die heutige Museumsstadt war einst genauso rätselhaft und geheimnisvoll wie die Verbotene Stadt in Peking. Der Zugang zum Kreml erfolgt über den Troizkaja-Turm am Manegeplatz. Der ehemals an der Turmspitze angebrachte Doppeladler - ein Symbol des russischen Zarentums - ist zwischenzeitlich durch einen mächtigen rubinroten Sowjetstern ersetzt worden. Der beeindruckende, unter Breschnew erbaute Kongresspalast gleicht einem Würfel aus Glas und Stahl und ist das erste Gebäude, das man beim Betreten auf der rechten Seite sieht. In dem ockerfarbigen Gebäude auf der linken Seite werden nicht ohne Stolz 800 Bronzekanonen präsentiert, die einst den Truppen Napoléons entwendet wurden. Nach dem Senatspalast, dem Gebäude des Ministerrats, dem ehemaligen Patriarchenpalast, der Zwölf-Apostel-Kirche und der Zarenkanone beginnt das religiöse Zentrum des Kremls mit seinen unzähligen vergoldeten oder bunten Kuppeln, die mit dem Sonnenlicht um die Wette funkeln. Die schönsten Paläste und Kirchen liegen rund um den Kathedralenplatz. Besonders auffällig ist der schöne und hohe Glockenturm Iwan der Große. Das höchste Gebäude Moskaus diente einst als Wachturm. Von dort hatte man einen Umkreis von 30 km im Blick. Auf einem weißen Steinsockel am Fuße des Glockenturms steht die berühmte Zarenglocke (Zar-kolokol). Dabei handelt es sich um die größte Glocke, die je gegossen wurde: Sie ist 6,14 Meter hoch, hat einen Durchmesser von 6,60 Meter und wiegt 202 Tonnen. Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale (Uspenskij sobor), manchmal auch mit dem russischen Namen Uspenski-Kathedrale bezeichnet, ist die älteste Kultstätte des Kathedralenplatzes und wurde in nur 4 Jahren, zwischen 1475 und 1479, errichtet. Zar Iwan III. wollte sie zur wichtigsten heiligen Stätte Russlands machen. Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist durch eine schlichte Eleganz und imposante Formen gekennzeichnet, die einst die Macht des russischen Staates symbolisieren sollten. Besonders sehenswert ist der prächtig ausgestaltete Innenraum: prachtvolle Wandbilder mit goldenem Hintergrund, eine gewaltige fünfrangige Ikonostase, mächtige Kronleuchter sowie bedeutende Kultgegenstände und Ikonen. Nach der Fertigstellung der Mariä-Entschlafens-Kathedrale wurde 1484 mit dem Bau der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale begonnen. Die aus Pskow (dt. Pleskau) stammenden Baumeister errichteten sie auf den Grundmauern einer ehemaligen Steinkirche aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Die Wandmalereien im Innenraum wurden vom Maler Theodose angefertigt und stammen aus dem Jahr 1508. Sie sollten demonstrieren, dass die Herrscher Moskaus die Nachkommen der byzantinischen Kaiser waren. Das Prunkstück der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale ist ihre Ikonostase, die zu den ältesten Russlands zählt. Gegenüber der Mariä-Entschlafens-Kathedrale liegt die Erzengel-Michael-Kathedrale. Die prächtige Fünf-Kuppel-Konstruktion ist die letzte Ruhestätte der russischen Zaren. Die Architektur im venezianischen Renaissance-Stil mit unzähligen Ornamenten aus weißem Kalkstein ist sehr ungewöhnlich für eine russische Kirche. Ihre Fresken zeigen die großen Schlachten der russischen Geschichte sowie Bildnisse der Moskauer Großfürsten und der ersten Zaren Russlands, die hier beigesetzt wurden. Die Grabeskirche beherbergt 56 Grabstätten, darunter auch das Grab von Iwan dem Schrecklichen. Zwischen dem Großen Kremlpalast und dem Borowizki-Tor befindet sich die Rüstkammer (Oruzheinaia palata). Sie ist das älteste und größte Museum für Angewandte Kunst in Russland. Das ursprünglich als Waffenlager konzipierte Bauwerk wurde Mitte des 16. Jahrhunderts zur größten Waffenschmiede Russlands. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts diente sie als Schatzkammer der Großfürsten und Zaren und beherbergt alle wertvollen Meisterwerke des Kremls. Das große zweistöckige Gebäude wurde später in ein Museum umgewandelt und umfasst rund 3.000 Werke der russischen und abendländischen Kunst, darunter eine herrliche Sammlung mit Waffen, Gold- und Silberschmiedearbeiten, Schmuck, bestickten Gewändern und Stoffen. In zwei Räumen ist die Ausstellung des Staatlichen Diamantenfonds Russlands untergebracht: Dort sind seltene Diamanten, Edelsteine, Goldnuggets sowie die berühmten Fabergé-Eier zu sehen.
Auf der Westseite, am Rande des Kathedralenplatzes steht der Facettenpalast (Granowitaja palata), der zu den ältesten Profangebäuden des Kremls zählt. Er wurde 1491 von Pietro Antonio Solari erbaut. Sein Name leitet sich von der fein geschliffenen Fassadengestaltung ab. Im Facettenpalast wurden die Thronfolger Russlands ausgerufen, hier fanden auch die Hochzeits- und Krönungsfeiern der Zaren statt.